Essstörungen

Seit 2003 besteht in unserer Einrichtung ein Schwerpunktangebot zur Behandlung von Essstörungen. Unter der Leitung von Dipl.-Psych. Elisa-Maria Krebes bieten wir im Essstörungsschwerpunkt Behandlungen an, die speziell auf Patient*innen mit Essstörungen aller Formen (s. unten) zugeschnitten sind. Wir ermöglichen eine verhaltenstherapeutische Kombinationsbehandlung aus Einzel- und Gruppentherapiesitzungen durch Psychotherapeut*innen in Ausbildung und approbierte Psychologische Psychotherapeut*innen, die besondere Expertise im Bereich der Essstörungen haben. Zudem arbeiten wir eng mit Ernährungsberater*innen und Ihren behandelnden Ärzten zusammen.

 

 Wie kann ich mich im Essstörungsschwerpunkt behandeln lassen?

Wenn Sie Interesse an unserem Therapieangebot haben, wenden Sie sich bitte zunächst telefonisch an das Sekretariat der Ambulanz. Nachdem Ihre Kontaktdaten aufgenommen wurde, erhalten Sie von uns Fragebögen per Post zugesandt, damit wir uns gut auf das erste Gespräch mit Ihnen vorbereiten können. Haben Sie diese Fragebögen ausgefüllt an uns zurückgeschickt, werden Sie auf die Warteliste gesetzt. Wir versuchen die Wartezeit so kurz wie möglich zu halten und melden uns telefonisch zur Terminvereinbarung bei Ihnen, sobald ein Behandlungsplatz frei ist.

Der erste Termin dient dem gegenseitigen Kennenlernen und der weiteren Diagnostik. Je nach Indikation, können wir Ihnen danach einen Therapieplatz in unserem Behandlungsprogramm anbieten. Danach haben Sie weitere Sitzungen Zeit, um Ihre*n Therapeut*in kennenzulernen und gemeinsam einen Behandlungsplan zu entwickeln.

Ihr*e behandelnde*r Therapeut*in kümmert sich um die nötigen Formalia und die Kostenübernahme durch Ihre Krankenkasse.

 

Kontakt: 06131-3939100

 

Was beinhaltet die Kombinationsbehandlung?

Wir behandeln Patient_innen in der Regel in Einzel- und Gruppensitzungen. Die Inhalte der essstörungsspezifischen Gruppenbehandlung (etwa 1/3 der Behandlungszeit, Inhalte s. unten) werden in der Einzelbehandlung individuell vertieft. Weiterhin ermöglichen die Einzelsitzungen (ca. 2/3 der Behandlungssitzungen) die Mitbehandlung eventuell bestehender komorbider psychischer Störungen.

 

Was passiert in den Gruppensitzungen?

Das Gruppenangebot entspricht einem umfassenden Behandlungskonzept, das dem komplexen Bild der Essstörungsbehandlung gerecht werden möchte. Es basiert auf einem manualisierten Therapieprogramm (Legenbauer & Vocks, 2006).

Im ersten Abschnitt beschäftigt sich diese Gruppentherapie neben Modulen zur Motivation zunächst mit der Frage, wie die Betroffenen die Essstörung erworben haben und welche Strategien Sie anwenden können, um Ihr Essverhalten zu verbessern und Heißhungerattacken vorzubeugen. Hierzu werden ein individuelles Erklärungsmodell der Essstörung erarbeitet und Strategien zur Normalisierung des Essverhaltens und Verminderung von Heißhungerattacken entwickelt. Im weiteren Verlauf stehen negative Gedanken und Gefühle im Fokus, sowie Ansätze zu deren Bewältigung. Dazu werden Techniken der kurzfristigen Affektregulation, der kognitiven Umstrukturierung automatischer Gedanken, sowie der Veränderung der zugrunde liegenden Kernüberzeugungen vermittelt. Des Weiteren sollen Strategien zur langfristigen Affektregulation im Sinne von Spannungsabbau und Stressbewältigung trainiert werden. Auch Probleme im zwischenmenschlichen Kontakt werden thematisiert und Lösungswege erarbeitet. In diesem Zusammenhang wird die Verbesserung der kommunikativen Fertigkeiten angestrebt und soziale Kompetenzen werden aufgebaut. Ein weiterer Baustein der Gruppentherapie ist die Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper. Die Fehlwahrnehmung des Körpers soll in der Gruppentherapie anhand verschiedener Übungen (Spiegel-, Video-, Abtastübungen) veranschaulicht werden mit dem Ziel das Körpergefühl zu verbessern. Des Weiteren werden Übungen zur Genussfähigkeit und der Einbau genussvoller Tätigkeiten thematisiert und die Erhöhung der Anzahl positiver Aktivitäten im Alltag angestrebt. Abschließend werden zum Ende der Gruppentherapie Strategien zur Vorbeugung und zum Umgang mit Rückfällen erarbeitet.

 Welche Essstörungen werden behandelt?

Im Essstörungsschwerpunkt werden grundsätzlich alle Formen von Essstörungen behandelt, sofern sie klinisch relevant sind. Von einer Essstörung spricht man in der Regel, wenn der Umgang mit Essen oder das Verhältnis zum eigenen Körper gestört ist. Zur Orientierung haben wir Ihnen die häufigsten Essstörungsformen zusammengefasst, wobei Langzeitstudien zeigen, dass sich Essstörungspatient_innen zeitweise zwischen den drei häufigsten Formen der Essstörung (Magersucht, Bulimie und Binge Eating-Störung) hin- und herbewegen.

 

Anorexia Nervosa (Magersucht)

Betroffene mit einer Anorexia Nervosa haben in der Regel ein sehr niedriges Körpergewicht im Verhältnis zu ihrer Körpergröße (BMI* von 17,5 kg/m2 und darunter) und leiden unter großer Angst vor einer Gewichtszunahme. Gewicht, Figur, Essen und Kontrolle spielen eine sehr große Rolle im Alltag der Patient_innen. Dabei nehmen sie ihr Gewicht und ihre Figur häufig verzerrt wahr und fühlen sich trotz bestehendem Untergewicht zu dick (Körperschemastörung). Des Weiteren setzt bei Frauen die Regelblutung manchmal aus. Ab und zu versuchen Betroffene ihr Gewicht durch exzessiven Sport und/oder Abführmittel bzw. Appetitzügler oder Erbrechen zu reduzieren. Auch Essanfälle können in diesem Zusammenhang auftreten.

* Der Body Mass Index (BMI) ist ein Richtwert, der angibt, wie weit das Gewicht vom Normalgewicht abweicht und errechnet sich aus dem Gewicht in kg geteilt durch die quadrierte Körpergröße in m: BMI= kg/m².

 Bulimia Nervosa (Bulimie)

Betroffene mit der Diagnose Bulimie leiden unter häufigen Essanfällen mit Kontrollverlust. Häufig essen sie während eines solchen Essanfalls große Mengen in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum, wobei sie die Kontrolle darüber verlieren, was und wie viel sie essen. Dies geschieht meist so lange, bis sich ein unangenehmes Völlegefühl einstellt. Nach einem Essanfall verspüren die Betroffenen oft Gefühle von Ekel, Traurigkeit und Schuld. Aus Scham essen sie häufig heimlich und nutzen Gelegenheiten, in denen sie alleine sind. Die Betroffenen machen sich große Sorgen um ihre Figur und ihr Gewicht und versuchen, mit Hilfe von Erbrechen, Fasten, Abführmitteln, Appetitzüglern oder exzessivem Sport einer Gewichtszunahme entgegen zu wirken. Die Diagnose Bulimia Nervosa wird gestellt, wenn solche Essanfälle mit Kontrollverlust und gegensteuernde Maßnahmen wie Erbrechen oder Fasten mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens drei Monaten auftreten. Finden keine Gegenmaßnahmen nach einem Essanfall statt, spricht man von einer Binge Eating Disorder.

 

Atypische Formen der Essstörungen und Binge Eating Disorder

Es gibt Essstörungen, die die Diagnosekriterien für eine Anorexia nervosa oder Bulimia nervosa nicht voll erfüllen, aber trotzdem klinisch relevant sind. Hier wird die Diagnose einer atypischen Anorexie oder atypischen Bulimie bzw. einer nicht näher bezeichneten Essstörung vergeben. Eine Sonderform der nicht näher bezeichneten Essstörung ist die Binge Eating Disorder.

Patienten mit einer Binge Eating-Störung haben genau wie Patienten mit einer Bulimia Nervosa wiederholt Essanfälle mit Kontrollverlust. Im Unterschied zu Patienten mit Bulimie erbrechen Binge Eating-Patienten nicht nach den Essanfällen und ergreifen auch sonst keine gegensteuernden bzw. gewichtskontrollierenden Maßnahmen (z.B. exzessiver Sport oder Abführmittel). Die Essanfälle werden häufig durch unangenehme Gefühle, Stress oder Langeweile ausgelöst und werden von den Patienten als sehr belastend wahrgenommen. Eine Binge Eating-Störung wird diagnostiziert, wenn solche Essanfälle mit Kontrollverlust mindestens zweimal pro Woche über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten auftreten.

Auch der Verzehr zu großer Portionen aus emotionalen Gründen, das kontinuierliche Naschen während des gesamten Tages zum Trost oder zur Beschäftigung oder die Orthorexia nervosa (=zwanghafte Beschäftigung mit gesunder Nahrung und Verhaltensweisen) gehören zu den nicht näher bezeichneten Essstörungen und können bei uns behandelt werden.

Was passiert in der Ernährungsberatung?

Die Ernährungsberatung ist kein starres Programm, jede Beratung ist individuell auf die Fragen und Bedürfnisse der Betroffenen ausgerichtet. Es handelt sich nicht um ein Diätprogramm.

Inhaltlich orientieren sich die Empfehlungen an den Standards der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE), allerdings geht es in der Ernährungsberatung nicht um die reine Vermittlung von Wissen, sondern darum, ein regelmäßiges, ausgewogenes und vor allem genussvolles Essverhalten aufzubauen.

Diese Leistung wird meistens nach Antragsstellung von der jeweiligen Krankenkasse übernommen und wir kooperieren mit Ernährungsberater*innen, die sich besonders gut mit Essstörungen auskennen.